From the magazine ZStrR 4/2018 | S. 462-474 The following page is 462

Affekttat

Vortrag anlässlich der Jahrestagung 2018 der Schweizerischen Kriminalistischen Gesellschaft in Zug

I. Einleitung

Das Thema der Schuld ist in der forensischen Psychiatrie in den letzten Jahren hinter demjenigen der Risikobeurteilung deutlich in den Hintergrund getreten – mit Ausnahme einer vorübergehenden Aufruhr, verursacht durch neurobiologisch begründete deterministische Thesen und eine schon fast hysterisch anmutende, unwissenschaftliche Diskussion dazu. Ansonsten dominiert die Risikobeurteilung das tägliche Geschäft der Begutachtung und der Therapie, aber auch Lehre und Forschung.

Wir werden diese Tage Zeugen einer neuen Entwicklung tatsächlich weg von der Risikobeurteilung: Wenn herausragende Protagonisten der Risikobeurteilung wie Norbert Nedopil1 oder Jérôme Endrass öffentlich verlauten lassen, dass eine Individualprognose, wie in den Minimalanforderungen für Prognosegutachten von einer breit abgestützten Expertengruppe publiziert, womöglich wissenschaftlich gar nicht herleit- und damit nicht belastbar ist, dann, so meine ich, sollten wir aufmerksam hinhören. Jérôme…

[…]