From the magazine ZStrR 1/2015 | S. 76-100 The following page is 76

Psychiatrische Gutachter ohne strafprozessuale Kontrolle?1

I. Einleitung

Die «Sicherheitsgesellschaft»2 verlangt von der Strafjustiz und vom Strafvollzug nicht mehr nur die Aufarbeitung vergangener, sondern zunehmend auch die sichere Verhinderung künftiger Taten. Diese Erwartung ist schon deshalb kaum erfüllbar, weil sie – pointiert ausgedrückt – letztlich hellseherische Fähigkeiten voraussetzen würde.3 Wohl gerade deshalb zieht die Justiz in Strafverfahren und im Strafvollzug zur Legitimation ihrer Prognosen zunehmend psychiatrische Gutachten bei. Die damit beauftragten Sachverständigen werden regelmässig nicht durch das Gericht, sondern durch die Staatsanwaltschaft ausgewählt und beauftragt.4 In der Schweiz wird, im Gegensatz zum angloamerikanischen Strafprozess, nicht ein Gutachten des Anklägers einerseits und des Angeschuldigten andererseits erstellt,5 sondern meist nur dann ein weiteres Gutachten angeordnet, wenn das Gericht das bestehende amtliche Gutachten für klar unzureichend und kaum verwertbar erachtet.6 Liegen keine…

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